Gedanken für den 26.04.2024

Grausames Spiel

Im Mittelalter gab es ein grausames Spiel, das zur Belustigung des Volkes gezeigt wurde. In einem verschlossenen Burghof hing über dem Feuer ein Kessel mit siedendem Honig. Ein Bär wurde in den Innenhof gelassen und von dem süßen Duft des Honigs angezogen. Oben auf den Rängen saßen die vornehmen Damen und stand das schaulustige Volk. Sie alle sahen zu, wie der Bär in seinem Hunger an dem siedenden Honig leckte und mit verbrannter Schnauze davonlief. Immer wieder vom süßen Honig angelockt, versuchte der Bär zu lecken, und immer wieder verbrannte er sich heftig das Maul, bis er schließlich erschöpft und voller Schmerzen zusammenbrach.

Immer wieder werden wir Menschen von den süßen Verlockungen der Sünde angezogen. Macht und Reichtum, Erfolg und Ruhm, Sex und Lust, Rausch und Trug, Ehrgeiz und Eitelkeit verführen die Menschen zu manchen Torheiten. Wie oft haben wir uns schon den Mund verbrannt, aber immer neu lassen wir uns verführen, bis wir schließlich daran kaputtgehen, ohne je wirklich befriedigt gewesen zu sein. Manchmal sind die ersten Becher der Sünde und Gier leicht und süß, aber dann brennt es wie Feuer vor Scham und Schande, Reue und Verlorenheit. Und die Welt hat noch ihren Spaß daran. Wir aber wollen umkehren und uns von diesem grausamen Spiel erlösen lassen.

"Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei!"

(Johannes 8,34ff)



Axel Kühner "Überlebensgeschichten für jeden Tag"
© & 1991 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, 21. Auflage
2018
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Quelle: www.miriam-stiftung.de