Gedanken für den 16.03.2021

Noch drei Flaschen Benzin

"Ich habe noch drei Flaschen Benzin. Sie sind mir teuer wie dem Säufer der Wein. Nachdem ich die letzte Flasche über meine Kleider gegossen habe, werde ich diese Zeilen in die leere Flasche in den Ziegeln des halbvermauerten Fensters verstecken. Sollte jemand die Zeilen finden und lesen, so mag er vielleicht das Gefühl eines Juden verstehen, eines von Millionen, der gestorben ist, verlassen von Gott, an den er so stark glaubte...
Zwölf Menschen waren wir in diesem Zimmer, als der Aufstand begann; und neun Tage haben wir gegen den Feind gekämpft. Meine elf Kameraden sind gefallen. Sie sind still gestorben, selbst der kleine Junge ist still gestorben wie seine älteren Kameraden. Das geschah heute früh; der Junge war auf den Berg der Toten geklettert, um durch das halbvermauerte Fenster zu schauen. So stand er einige Minuten neben mir. Plötzlich ist er hintenüber gefallen, ist hinuntergerollt von dem Leichenhaufen und wie ein Stein liegen geblieben. Zwischen den beiden schwarzen Locken auf seiner kleinen bleichen Stirn stand ein Blutstropfen - eine Kugel durch den Kopf...
Ich liege auf der Erde, während ich diese Zeilen schreibe. Ringsum liegen meine toten Kameraden. Ich schaue in ihre toten Gesichter, und es scheint, als ob sie lächelten, als wollten sie sagen: Hab ein wenig Geduld, du Narr, noch ein paar Minuten, und auch dir wird alles klar werden. Besonders das Gesicht des kleinen Jungen scheint zu lächeln. Er lacht mich aus mit jenem stillen und viel sagenden Lächeln eines Menschen, der viel weiß und der mit einem Menschen spricht, der nichts weiß. Er weiß schon alles, und ihm ist alles klar. Er weiß, warum er geboren wurde und warum er so früh sterben musste, da er doch erst fünf Jahre lebte. Und falls er es nicht weiß, so weiß er doch wenigstens, dass Wissen und Nichtwissen darüber unwichtig und bedeutungslos sind im Angesicht der göttlichen Herrlichkeit in jener besseren Welt, in der er sich jetzt befindet. Vielleicht in den Armen seiner ermordeten Eltern, zu denen er zurückgekehrt ist. In zwei Stunden werde ich auch wissen. Vorläufig lebe ich aber noch, und vor meinem Tod will ich als Lebender zu meinem Gott sprechen wie ein einfacher lebendiger Mensch, der den großen, aber unglückseligen Vorzug hatte, ein Jude zu sein."

Herr, Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor dir. Lass mein Gebet vor dich kommen, neige deine Ohren zu meinem Schreien!
Psalm 88,2f




Axel Kühner "Zuversicht für jeden Tag"
© 2002 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn, 7. Auflage
2017
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Quelle: www.miriam-stiftung.de